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Lebensläufe sind so trocken – deshalb ein Archivauszug mit Karels eigenen Worten:

 

Ich werde immer gefragt, worüber ich jetzt schreiben werde. Jetzt habe ich gar keine Lust, aber ich werde wieder schreiben wenn ich kann. Die Leute reagieren sehr gereizt auf meine Sachen. Also werde ich nur noch positiv schreiben und alles loben.

Als Erwachsener habe ich in der Tschechoslowakei genau 7 Jahre gelebt und davon 2 Jahre beim Militär – also nur 5 Jahre als freier Mensch. Vor dem Militär noch die verspäteten Pubertätsjahre, also eigentlich nur eineinhalb Jahre und dagegen stehen 21 Jahre hier in der Bundesrepublik. Also: was bist du eigentlich?

Mein Freund sagte zu mir: Du willst also heimfahren – aber wie kommst du denn hin? Die Grenze war schon gesperrt. Drei Tage habe ich überlegt ob ich in diesen verschlossenen Käfig zurückkehren oder draußen bleiben soll. Ich habe beschlossen hier zu bleiben, hier zu arbeiten, deutsch zu lernen. Jeder der die Popmusik verlässt, weiß was das bedeutet: in einem, spätestens drei Jahren den Verlust jeder Popularität! Ich befand mich in München plötzlich in der Situation einen Dolmetscher zu brauchen. Da ich mich nicht verständigen konnte, ging ich zum Radio Freies Europa, um Slava Volny, einen bekannten Redakteur, zu bitten, mir beim übersetzen zu helfen. Er war nicht da, aber dafür ein Freund von mir, Luboš Kavalek. Wir haben in Bad Aibling meine Sachen abgeholt, dann zurück zum Sender und ich habe gleich meine erste Platte mit dem Titel »Rakovina« gemacht. Die ganze Platte an einem einzigen Tag. Dazu kam dann noch Rosina, eine Redakteurin, und sagte: »Wenn Sie wieder heimkehren wollen, dann machen Sie hier nichts, sonst können Sie nicht mehr zurück.« Rosina hatte recht. Ich wollte nicht mehr zurück.

Das Publikum ist ein heiliges Tier das ich liebe und fürchte. Es ist sehr schwer zu fesseln, aber noch schwieriger ist es, wenn man es gebändigt hat, es nicht zu missbrauchen. In dem Moment, wenn dir die Leute im Saal vertrauen, musst du sie alle haben (kriegen). Das ist ein Kampf. Das hat nichts mit Poesie zu tun, nichts mit Prosa, nichts mit der Produktion, dass ist der Kampf des reproduzierenden Künstlers.
Was die wenigsten Leute wissen, ist, dass ich die Sachen nicht nur schreibe sondern auch rezitiere. »Seit 20 Jahren schreibe ich diese Scheiße und die Leute, dieses Gesindel, hören nicht auf zu staunen«. Und das sie dir hierfür nicht eins auf die Schnauze hauen – dass ist Kunst. Dass du sie nachher, wenn du alles gegeben hast und alles gesagt hast, dorthin bekommst, dass sie entweder pfeifen oder klatschen. Und wie du es sagst, dass hängt von dir ab. Sie nicht zu ignorieren sondern zu achten – und ihnen unangenehme Dinge sagen können. Oder still zu werden, wenn ein 4jähriger Junge zu dir auf die Bühne kommt – genau in dem Moment, wenn die Abendveranstaltung zu Ende geht. Und er stellt sich vor dich hin und sagt: »Ahoj, Onkel«. Das ist in Boston passiert. Ich dachte, der Herrgott schickt ihn mir. Also lässt du dich zu ihm herab – nicht um vor im niederzuknien, sondern um von Auge zu Auge mit ihm zu sprechen. Und du fragst ihn, ob er etwas singen will – und er sagt »ja« und nennt dir ein Lied. Und das Engelchen fängt irgendwo mittendrin an zu singen und du musst in Sekunden auf der Gitarre die Begleitung finden. Das war eine heilige Messe. Ein völlig unerwartetes Ende. Du gibst ihm ein Küsschen, du bekommst Blumen, du gibst sie dem Jungen und er geht weg.

Du musst ein Teil des Publikums werden wenn du spielst. Das Schönste hat sich in Breslau ereignet. Ich habe tschechisch und polnisch gesungen. Ich habe dort die allerjüngste Zuhörerin bekommen. In meinem ganzen Leben werde ich keine jüngere mehr haben. Eine Frau hat im Konzert ein Mädchen geboren. Ich habe sie getauft. Sei heißt »Malgo°adka«. Im Saal sind Tschechen und Polen und ich singe, – bin aber nicht auf der Bühne und es gibt kein Publikum. – Da ist nur so ein Ballon der sich dreht......(Sch....)?

Ein Mensch, der 20 Jahre im Ausland gelebt hat, ist ein Ausländer, wenn er heimkehrt. Mir fehlen 20 Jahre Zusammenleben mit den Leuten zuhause. Ich muss lernen eine Semmel zu kaufen (muss mich eingewöhnen) und lernen dort zu leben.

Das ist mein früherer Beruf. Hier – solche Dummheiten. Da war ich 14 und auf der Keramikschule....auch aus dieser Zeit....eine Puppe, ein »tanzender Walache«. Hier hab ich auch getanzt – in einer Volksgruppe....Und solche Bilder hab ich ab und zu gemalt....Und wenn alles misslang, dann wurde daraus ein Blumentopf.
Das ist aus Teplitz, dass hat der selige Bildhauer Milan Lahoda gemacht – ein Abguss von meinem Gesicht – da ist noch ein echtes Barthaar – da war ich noch ganz jung – die Ringe unter den Augen sind noch nicht da. Figuren gibt es genug, aber viele hat meine Schwester zuhause. Da ist ein Bild meiner Mutter. Vater hat auch gemalt. Das ist er – und das bin ich in München. Und das ist eine Tapisserie, die hat meine Mutter aus Wollresten gemacht. Das sind unvollendete Bilder von meiner Mutter – sie ist gestorben. Leider hab ich sie nicht mehr gesehen.

Wenn ich Menschen treffe, die so alt sind wie ich und wenn ich mich mit ihnen unterhalten soll – und die Ausnahmen bestätigen die Regel – dann bin ich nicht in der Lage, mit ihnen drei bis vier Sätze zu wechseln ohne beim fünften nicht mehr einverstanden zu sein. Ich habe einfach nie akzeptiert, dass man sich anpassen muss. Im Moment sind meine Gedanken identisch mit denen der jungen Generation. Und meine Generation schreit mich an: ja, du im Ausland siehst das sehr einfach, du hast leicht quatschen. Ich meine, hier ist schon eine neue Generation und die muss nicht erst heranwachsen um sich erst dann auszukennen. Die neue Generation ist schon da und Gott sei Dank findet sie sich schon zurecht.

Da oben sind die Reste der Bücherei meines Vaters. Leider sind nur wenige übriggeblieben. 1948 haben die Kommunisten die ganze Druckerei zerstört, die Maschinen zerschlagen, dass ganze Archiv auf zwei Lastwagen mitgenommen. Mein Vater wurde zur Zwangsarbeit verurteilt. Nichts ist geblieben, außer ein paar schönen Büchern, die man heute sucht und teuer bezahlt. Aber das war nicht die einzige Katastrophe der letzen 40 Jahre. Man braucht sich nur die Dörfer und Städte anzusehen und die Schicksale der Menschen hören (und das Ganze mit dem früheren Zustand vergleichen).

Von den tausenden Exemplaren meiner Schallplatte »Rakovina« gelangten 400 mit falscher Hülle in die Tschechoslowakei. Und von der zweiten Platte 300 Stück. Alle sind durchgekommen. Sie wurden nie mir der Post geschickt. Immer, wenn eine Mutter oder Großmutter zu Besuch kam, hat sie eine Platte mit zurückgenommen. Sie hat sie einfach hier gekauft und konnte ja nicht wissen, dass in der Hülle eine ganz andere Platte steckt. Die Erste hieß »Klassiker modern frisiert«, die Zweite hieß »Ein Walzertraum«. Aber einige sind dafür auch ins Gefängnis gekommen. Ich hab immer gesagt, sie sollen nicht nur die Hüllen sondern auch die Etiketten auf der Platte vernichten. Manche Leute wollten aber das Original erhalten – als Rarität. Sie haben es herumgezeigt, wurden verraten und eingesperrt. Bei einem Freund von mir stand es in der Anklageschrift. Es war eine gefährliche Angelegenheit, aber ich kann mich nicht erinnern, dass eine einzige Platte nicht durchgekommen wäre.

Den Kampf gegen die menschliche Dummheit kann man nicht gewinnen. Aber man darf auch nicht vor ihr weglaufen sonst würde die Dummheit die ganze Welt überschwemmen. Und ich meine, dass ich auch verpflichtet bin, politisch zu reagieren. Und ich reagiere selbstverständliche mit Gleichnissen und übertreibe, wie bei einer Karikatur. Man malt eine große Nase und der Betroffene wehrt sich, weil er keine große Nase hat und ich werde dafür eingesperrt. Was ich schreibe ist Karikatur – so sehe ich das. Natürlich alles vereinfacht – schwarz/weiß – was viele (gereizte) Kritiker nicht kapiert haben. (Ich möchte noch viel von solchem Unfug reden.) Man fragt mich immer, worüber ich jetzt schreiben werde. Jetzt habe ich gar keine Lust, aber ich werde wieder schreiben, wenn ich kann. Die Leute reagieren sehr gereizt auch meine Sachen. Also werde ich nur noch positiv schreiben und alles loben.

Ich hatte den großen Vorteil vernünftige Chefs (Vorgesetzte) zu haben. Selbstverständlich hat jeder seine Mucken; jeder Redakteur hat seine Mucken. Aber sie ließen mich machen und haben mich nie zensiert. – Bis zum Jahre 1989. Problematisch wird es, wenn sie von dir Kompromisse verlangen, die sich mit deiner Überzeugung nicht vereinbaren lassen. Dann ist es eine Frage der Konfrontation mit dem Gewissen. Dazu kommt, dass sich die politische Situation jetzt verändert hat und dass meine Tätigkeit von hier aus mehr oder weniger überholt ist. Diese Arbeit sollte jetzt jemand anderer machen. Es ist eine sehr schmerzliche Entscheidung, aber sie muss eines Tages kommen. Ich halte den jetzt folgenden zweiten Teil meiner Arbeit heute für wichtiger.

Text zum Video:
Karel Kryl – "Zwei Kirschen auf dem Teller" von František Spevák, 1991